Interview: Nerdcore Behind The Scenes

Um ein Interview einzuleiten, das ich mit René Walter (via eMail) geführt habe, könnte ich - wie man das zur Einleitung von solchen Interviews so macht - zunächst nochmal für alle die Person vorstellen, auf Erfolge und Auszeichnungen sowie Jobs und Projekte des zu Interviewenden verweisen. Stattdessen möchte ich aber viel lieber gleich "persönlich" werden, und zu Beginn festhalten, warum für mich dessen Main-Blog Nerdcore aus dem Wust an Blogs dieser Zeit doch irgendwie hervorzutreten scheint.

Obwohl es sich dabei natürlich um ein digitales Medium handelt, wirkt Nerdcore auf mich dennoch wie ein abgegriffenes Buch, mit Eselsohren und einigen Lebensspuren behaftet. Drin steckt eben nicht nur "very cool stuff", sondern auch eine gehörige Portion Person - das Profil des Autors, seine lässige Art zu schreiben, seine Leidenschaft für "Nerdstuff" und v. a. auch seine Erfahrung. Und somit trägt es einen einmaligen Fingerabdruck, der in solch Deutlichkeit auf manch anderen Blogs nicht so zu erkennen ist. Nerdcore prägt. Und deshalb gehört es zu den erfolgreichsten deutschen Blogs. Es hat Ecken und Kanten, so wie das Logo, das einem sofort klar macht, was hier Sache ist: Nerdcore.

Dass hinter dem Erfolg allerdings auch noch viel Arbeit und v. a. eine clevere Organisation stecken - das und vieles mehr wird Euch nun aber mal lieber René selbst verraten - in dem Interview nach dem Klick.

Torsten: In deinem ersten Nerdcore-Post vom 21. März 2005 schreibst du:

tach auch! Heute ging’s online mit magerem Programm aber erstem Post, immerhin. Klappe dahinten!
Hier gibt’s sehr subjektive Links aus den Bereichen Technologie (Robots, Gadgets, Mac, Webdesign, CSS und was mir sonst noch dazu über die Füße stolpert), Design (Webdesign - schon wieder ;-) Grafikdesign, Print, Flash…), Popkultur (tolle Bücher, super Platten [wait for Maxïmo Park!], geile Filme).

Ich weiß nicht... Irgendwie klingt das für mich nicht so, als hättest du hier deine erste Berührung mit dem Bloggen überhaupt gehabt. Wenn nicht: Was war dein erstes Blog? Und wann bzw. wie hast du überhaupt zum ersten Mal von diesem "Blogding" erfahren? Was hast du dir bei diesem Format gedacht? Von Anfang an interessiert?

René: Nerdcore ist tatsächlich mein erstes Blog. Ich hatte vorher ein Grafik-Portfolio in das ich auch mal eine News-Spalte integriert hatte, aber das ist nicht dasselbe. Vorher hab ich ab und zu in Foren gepostet aber dort auch schnell festgestellt, dass das nichts für mich ist. Irgendwann im März 2005 erklärte mir dann ein Arbeitskollege (Alexander von Endl.de) was ein Blog ist und ich fing an. Das war aber nicht mein erster Kontakt mit Publizität und tatsächlich kenne ich das Netz seit circa 1997, als ich anfing, kleinere Websites zu bauen. Für mich selbst und weil ich die Technik dahinter kennenlernen wollte.

Anfang der Neunziger gab ich ein handkopiertes Fanmag über Techno heraus mit einer stolzen Auflage von 100 Stück und bereits als Kind führte ich Ordner, in die ich Zeitungsausschnitte klebte, mit allem was mich interessierte. Nichts anderes ist Nerdcore, mein persönliches Sammelsurium des What The Fuck. Damals, 1997 entdeckte ich irgendwann die Seite Pixelsurgeon aus England, die gibt es heute nicht mehr. Die war so ziemlich genau das, was ich auch bei Nerdcore (und den Filmfreunde (www.fuenf-filmfreunde.de) und bei Spreeblick.com) mache: Eine bunte Mischung aus Musik- und Filmreviews, Wissenschaft, Space, Abseitiges, Absurdes und jede Menge Design. Meine Schwerpunkte liegen ein wenig anders, aber im Grunde war Pixelsurgeon (und k10k.net) ein Vorbild für Nerdcore. Und dann hat es ja auch nur 7 oder 8 Jahre gedauert, bis ich selbst mit Publishing angefangen habe.

Torsten: Hast du mit dem Nerdcore-Start von Beginn an ein gewisses Erfolgsziel vor Augen gehabt, oder hast du einfach mal grün drauflos gebloggt?

René: Beides ist untrennbar, denke ich. Wenn man ein Blog aufmacht und von Beginn an „für den Erfolg“ bloggt, dann kommt SEO-optimierte Scheiße für Nutzerzahlen bei raus. Ich habe natürlich einfach drauflosgebloggt, immer schon mit Themen, die ich auch heute noch am Start habe. Und ich hatte schon immer viel Output, aber dazu später. Aber ich hatte natürlich auch einen diffusen Plan im Hinterkopf, den, wie ich finde, jeder Blogger ebenfalls haben sollte. Ich wollte schlichtweg die most awesome site on this interweb machen. Und jetzt kommt eine alte Weisheit von Yoda: „Versuchen gibt es nicht. Tu es, oder tu es nicht.“ Also habe ich damit angefangen. Ich denke zwar nicht, dass es mir so richtig gelungen ist, aber hey: Nerdcore ist eine der Seiten im Netz, die ich sehr gerne lesen würde. Das ist schon ziemlich viel, denke ich.

Torsten: Wie hast du die Erfolgsetappen auf dem Weg hin zum deutschen "Bloggipfel" wahrgenommen, wie abenteuerlich oder bzw. "aufregend" war das für dich? Gab es auch so etwas wie "dunkle Momente", in denen du kein Bock mehr auf das Ganze hattest?

René: Oh je, strange. Da ist viel Zufall und „Richtiger Ort zur richtigen Zeit“ dabei und auch ein paar Abmahnungen und ich finde es immer noch ein bisschen verwunderlich, dass ein Zombie-WTF-Blog sich so lange so weit „oben“ halten kann (wobei dieses „oben“ eigentlich ziemlicher Bullshit ist) – aber: einer muss sowas ja machen. Letztlich war es so: Ich habe vor mich hingebloggt, ab und zu bei Spreeblick-Johnny kommentiert, der mochte mein Zeug und hat mich ein paar mal verlinkt. Dann kamen ein paar Abmahnungen, die vor zwei, drei Jahren großes Thema in Deutschland waren, Heise.de, dann mal Digg, dann mal Reddit. Naja, und dann haben die Leute anscheinend gesehen, dass ich viel raushaue und interessante Themen habe – und sind geblieben. Aufregend ist das, na klar. Aber nur am Anfang, es stellt sich im Laufe der Zeit eine gewisse Gewohnheit ein, ganz normaler Prozess. Auch, dass man manchmal keinen Bock hat ist völlig normal. Manche schmeißen dann hin oder schreiben nichts, während mir dann immer der Jetzt-erst-Recht-Gedanke kommt.

Torsten: Was sind deine Ziele oder Wünsche für das Nerdcore von morgen? Könntest du dir vorstellen, ewig "Business as usual" so weiter zu machen, oder inwiefern würde es dich stattdessen reizen, Nerdcore in eine entsprechend andere Richtung zu drehen?

René: Nerdcore gestern war ich, Nerdcore heute bin ich und auch das Nerdcore von morgen werde ich sein. So gesehen business as usual, aber: Ich könnte mir vorstellen, ein bisschen mehr zu reisen. Das würde dann auch im Blog stehen – umgeben von Spaceships und vintage Knochenkorkenziehersteampunkmachines. Dieses WTF kriegste aus mir nicht mehr raus, das war schon immer da, das geht nicht mehr weg.

Torsten: Augenscheinlich ist Nerdcore im Verhältnis zu den vielen deutschen "Hobby-Blogs" eine unwahrscheinliche "Contentmaschine", was manche vielleicht "erschrecken" mag. Wie schaffst du das? Woher nimmst du die Zeit dafür? Konkreter: Wie lässt du dir bei dieser Vielzahl an Blogs wirklich keine interessanten Inhalte durch die Lappen gehen?

René: Diese Frage stellt man mir oft, die Antwort ist relativ einfach: Ich leben vom bloggen und mache das Hauptberuflich, mache aber „nebenher“ noch Designjobs. Das heisst: Ich habe schlichtweg die Zeit, um 700 Feeds zu lesen und zu filtern. Tatsächlich habe ich ja einen höheren Output als das, was „nur“ bei NC landet. Ich schreibe am Tag so drei Postings bei Spreeblick und nochmal drei bei den Filmfreunden, mal mehr, mal weniger. An richtig guten Tagen komme ich durchaus mal auf 30 Postings. Und dafür habe ich im Laufe der Zeit Techniken entwickelt, ohne die sowas nicht geht.

1.) Emails-Checken und beantworten: Morgens und Abends, dazwischen nur, wenn es sein muss. Das gleiche gilt für Kommentare.

2.) Ich habe meinen Feedreader organisiert von Wichtig zu Unwichtig. Außerdem habe ich einen Feedordner für die Aggregatoren wie Digg oder Reddit und die Müllschreiber, die aber ab und zu mal eine Perle ausgraben. In diesem Ordner scanne ich lediglich die Headlines und so schaffe ich 200 unread in unter zwei Minuten, oder so. Außerdem habe ich einen Ordner namens „Lesen“, da sind nur die Blogs drin, die ich tatsächlich lese im Sinne von Lesen, und zwar aus persönlichen Gründen: Freunde und Bekannte.

3.) Wenn ich etwas interessantes finde, dann gibt es drei Möglichkeiten: Es ist sowas von WTF, dass mir sofort der Text einfällt oder dass ich einfach zwei Absätze voller „ZOMG!“s schreibe und haue es sofort raus. Das dauert seltenst über fünf Minuten. Oder es ist interessant, aber mir fällt nichts dazu ein, will es aber trotzdem auf der Seite haben, in diesem Fall sind das die Posts mit solchen Texten: „Ich liebe dieses Schaukelpferd aus Knochen von Heinz Mustermann, Link“. Oder ich packe es einfach in meine Delicious-Links, das ist ein Klick und drei, vier Tags. Jede Art zu posten geht sehr schnell. Und dann gibt es natürlich noch den Fall, dass ich mich länger mit einem Thema auseinandersetze. Das dauert, manchmal sogar Wochen.

Torsten: Wie groß bemisst sich noch der Zeitrahmen, den Herr Walter nicht vor irgendeinem Flatscreen verbringt? ;)

René: Gute Frage, hihi... Ich habe schon vor meinem Blog einen Großteil meiner Arbeitszeit vor dem Bildschirm verbracht, das bringt das Berufsbild des Gestalters einfach mit sich. Grob geschätzt verbringe ich ungefähr 12 Stunden am Tag (inklusive Schlaf) nicht vor einem Screen. OMG! ;)

Torsten: Liest du die "Giganten", auf deren Schultern du Nerdcore stehen siehst, eigentlich "nur" ausschließlich im Feedreader, so ohne allen Layout-Schnörkel, oder schaust du bei manchen Blogs auch hin und wieder über deinen Browser vorbei? Genießt du gutes Layout oder ist es für dich eher weniger von Belang?

René: Ich lese Blogs vor allem im Feedreader, ja, zu 99% würde ich sagen. Wenn ich etwas finde, dann öffne ich einen Tab im Browser, aber nicht des Layouts wegen. Ich habe bei meinem letzten Re-Design mein Layout so basic wie möglich gehalten, denn man darf Design nicht mit Hübschmachen gleichsetzen. Design ist vor allem erstmal die Lösung eines Problems, im Falle von Webdesign heisst das: Wie präsentiere ich den Content für den Nutzer so zugänglich wie möglich? Tatsächlich macht ein Feedreader genau das: Er präsentiert den Content auf die einfachste mögliche Art. So gesehen bietet ein Feedreader das perfekte Webdesign.

Torsten: Gibt es für dich irgendwelche "No-Go's" oder gewisse Tabus, wenn es um die Inhalte oder die Art des Bloggens geht?

René: Ja. Ich versuche bei NC insgesamt immer eine gewisse Tonalität zu halten, keine Fäkalwitze, auch wenn sie lustig sind (aber dann eben einmal im Jahr eben doch), keine diskriminierenden Inhalte, kein MUHAHA-Content, gerne grenzüberschreitenden WTF solange er eben genannte Regeln nicht bricht, keinen Softporn, aber gerne Sexy Damen mit E-Gitarren, keine „Guck mal wie der Typ auf die Schnauze fällt“-Videos, keine „Funpics“ – so ungefähr.

Torsten: Was glaubst du, wirst du im Alter von 60 / 70 Jahren noch so machen?

René: Hoffentlich: Schampus saufen und Mädchen auf einer Insel im Pazifik beglücken. Wahrscheinlich: Mich über das schlampig operierte Hirn-Netz-Interface und meinen kaputten Rücken aufregen.

6 Kommentare

  1. Schönes Interview, die Fragen gefallen mir sehr (die Antworten natürlich auch).

    …12 Stunden täglich vorm Computer, das kriege nicht einmal ich hin :-)

    Moritz 11.04.2009 17:25 Uhr Auf diesen Kommentar antworten Antworten
  2. Ein sehr gutes Interview. Ich lese schon seit etwas längerer Zeit Nerdcore.de und es sind echt Fragen, die ich mir auchs schon das eine oder andere Mal gestellt habe. danke.

    Miko 11.04.2009 20:02 Uhr Auf diesen Kommentar antworten Antworten
  3. “Wahrscheinlich: Mich über das schlampig operierte Hirn-Netz-Interface und meinen kaputten Rücken aufregen.” :-) !!!! um das selbst noch mitzuerleben wuerde ich mich auch fuer ein paar Jahrzehnte einfrieren lassen.

    just.us 12.04.2009 10:06 Uhr Auf diesen Kommentar antworten Antworten
  4. Sehr schönes Interview, gibt gute Einblicke. Super.

  5. Und ich hab mich schon IMMER gefragt wie man so eine Posting-Frequenz hinkriegt. Gutes und überfälliges Interview. Bitte nicht aufhören.

  6. wow, tolles Interview. 12h vor dem PC … hart! So eine Postfrequenz ist nur mit so einem System möglich. Sehr interessantes Interview!
    lg

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